Der Merlion und ich: Ein Dialog mit Singapurs Wahrzeichen

04.04.2025 09:20
 
 
An der Merlion-Statue in Singapur. Foto: WanderWithWolf
 
Es war ein eher ruhiger Abend in Singapur. Ich saß auf den Stufen an der Marina Bay, am Sockel der Merlion-Statue - das ist eine Figur, halb Löwe, halb Fisch, die unablässig Wasser speit. Wie üblich war es immer noch heiß und schwül in der Stadt, kein Wetter, wie ich es üblicherweise bevorzuge. Ich blickte auf die vielen Lichter an der Bucht um mich herum, die stetig ihre Farben wechselten. Ich beobachtete die Schiffe, die immer wieder an mir vorbeizogen, besetzt mit vielen Gästen, die sich gemächlich durch die Bay schippern ließen. Die Sonne war schon hinter den Wolkenkratzern verschwunden, die erste Lichtspektakel-Wassershow des Abends war bereits vor dem riesigen Marina Bay Sands Hotel zu Ende gegangen.
 
An der Merlion-Statue in Singapur. Foto: WanderWithWolf

Das Selfie- und Blitzlicht-Gewitter um mich herum hatte sich mittlerweile etwas gelegt, doch immer noch herrschte reges Gedränge. Ich lehnte mich aber zurück, mein Kopf berührte den Sockel unterhalb des Merlion. Plötzlich hörte ich eine tiefe, grummelnde Stimme. "Boah nervt das, jeden Abend das gleiche Spektakel, seit Jahren finde ich schon keine Ruhe." Verdutzt schaute ich mich um. Niemand sonst schien die Stimme gehört zu haben. Ich ließ mir nichts anmerken, blickte erstmal weiter auf die Wasserfläche. 
 
An der Merlion-Statue in Singapur. Foto: WanderWithWolf

"Ja, die Sicht ist schon gut, aber nach so vielen Jahren würde ich auch gerne Mal was anderes sehen. Und dann dieses ständige Wasserspeien. Da wird der Hals ja ganz wund." Erneut schaute ich mich um. Wollte mich jemand veräppeln? Leise sagte ich: "Redet hier jemand mit mir?" "Nee, ich speie mir nur grad die Seele aus dem Leib, wie eigentlich immer. Schau mich wenigstens an, wenn ich mit dir rede." Ich drehte meinen Kopf nach oben und blickte ins Gesicht des Merlion. Der zwinkerte mir zu. Hatte ich was Schlechtes gegessen und halluzinierte jetzt? Ich ließ mir erstmal nichts anmerken und fragte leise: "Was willst du von mir, du bist doch nur eine Statue?" "Nur eine Statue? Ich bin eine Legende! Ich bin der Merlion - nach mir ist Singapur benannt."
 
An der Merlion-Statue in Singapur. Foto: WanderWithWolf
 
Ich zuckte mit den Schultern. "Das musst du mir erklären", sagte ich nach oben. "Na 'Singapura' bedeutet auf Sanskrit 'Löwenstadt' - also schau Mal auf meinen Kopf. So ein Prinz ist damals wegen eines Sturms mit seinem Schiff hier gelandet, hat mich gesehen, die Stadt gegründet und sie nach mir benannt." "Und warum hast du dann so ein Flossen-Teil?", wollte ich wissen. "Die Menschen hier waren früher eben einfache Fischer - deswegen stehe ich für die Kombination aus dem Fischerdorf Temasek und der Löwenstadt", antwortete der Merlion etwa barsch. Ich entschuldigte mich ob meiner Ahnungslosigkeit und ergänzte: "Schon gut, wenn du meinst... Ist ja aber doch etwas weit hergeholt."
 
An der Merlion-Statue in Singapur. Foto: WanderWithWolf

Ein Räuspern des Merlion folgte. Und etwas kleinlaut fügte er hinzu: "Vielleicht habe ich etwas übertrieben... Ich bin nicht wirklich alt." "Inwiefern genau?", wollte ich nun wissen. Grummelnd kam die Antwort: "Ich bin eigentlich erst in den 1960ern gezeugt worden. Alec Frederick Fraser-Brunner hat mich entworfen. Ja, ich geb's zu, ich bin nur ein Kunstwerk. Eine Ausgeburt menschlicher Gedanken." Der Merlion klang etwas verzweifelt. Er schob hinterher, dass er sogar erst Anfang der 1970er in seiner jetzigen Form als Statue für Singapur geschaffen worden ist. Eine eher junge Legende also. "Immerhin ist es doch ganz schön hier. Es könnte wirklich schlechtere Standorte für Wahrzeichen geben", gab ich zu bedenken.
 
An der Merlion-Statue in Singapur. Foto: WanderWithWolf
 
"Schon", antwortete der Merlion. "Ich stand ja auch zuerst schön am Ufer des Singapur Flusses, da hinten am Fullerton Hotel. Da wurde ich 25 Jahre kaum behelligt. Doch dann wird mir einfach so eine lange Brücke vor die Schnauze gesetzt. Na wenigstens haben sie da wohl mein Gemecker vernommen und mich 2002 hier weiter vorne hingestellt." "Ja, gut gebrüllt, Löwe", antwortete ich ihm, "dann beschwer dich doch nicht." Der Merlion schwieg. Und sagte dann leise: "Ich würde aber trotzdem gerne mal was anderes sehen..." Ich schüttelte den Kopf: "Leider kann ich dich nicht mitnehmen, du bist mir etwas zu groß und schwer." 
 
An der Merlion-Statue in Singapur. Foto: WanderWithWolf
 
Stille. Die Menschen um uns herum schossen weiter stetig Bilder. Auch ich schwieg nun. Doch dann fiel mir etwas ein: "Ich sehe die Lösung des Problems: Wenn du schon nicht wegkannst, dann muss wohl die ganze Welt zu dir kommen." Der Merlion grummelte tief. Und fing dann an zu lachen. Das Wasser blubberte regelrecht aus seinem Maul: "Aus meiner Perspektive betrachtet, ist das gar keine schlechte Idee. Dann muss ich wohl noch berühmter werden, damit viel mehr Menschen hierher kommen. Man darf ja nicht vergessen: Ich bin viel hübscher als die Freiheitsstatue." Ich nickte, wohlwissend, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Zumindest hatte ich ihn überzeugt. Der Merlion jedenfalls bedankte sich schließlich bei mir und spie fortan zufrieden sein Wasser. Und ich? Ich stand auf, schlenderte zurück ins Hotel - und kaufte am nächsten Tag noch einen Magneten in Form des Merlion
 
An der Merlion-Statue in Singapur. Foto: WanderWithWolf

 

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